Zukunftsmodell für die „Drehscheibe“

Walldorf, Baden: Das Schicksal der “Drehscheibe” ist zurzeit das Gesprächsthema in Walldorf. Das machte auch der Informationsabend der Stadt Walldorf am 24. November deutlich, der rund 200 Interessierte in die Astoria-Halle führte.

Obwohl der Gemeinderat in seiner Sitzung am 10. November sich mehrheitlich für die Bebauung der brachliegenden “Drehscheibe” unter städtischer Regie ausgesprochen hatte mit einem Neubau für Einzelhandel und Ärzte, steht das Projekt noch in der Diskussion. Denn inzwischen hat sich eine Bürgerinitiative gebildet, die einen Bürgerentscheid zur “Drehscheibe” anstrebt. Mit dem Infoabend machte die Stadtverwaltung ihre Interessen und Ziele nochmals deutlich und auch die Bürgerinnen und Bürger hatten das Wort und nutzten den Anlass, um ihre Meinung zu äußern und Fragen an das Podium zu richten.

“Drehscheibe” als Chance

Bürgermeister Heinz Merklinger, der sich soviel Publikum auch schon für die öffentliche Gemeinderatssitzung gewünscht hätte – wie er im Laufe des Abends anmerkte – skizzierte nochmals die wichtigsten Ziele der neuen “Drehscheibe”. Hier nannte er die Stabilisierung des Einzelhandels durch einen zugkräftigen Drogeriefachmarkt. Mit dem “Ärztehaus” über zwei Etagen soll die (fach-)ärztliche Versorgung Walldorfs gesichert und ausgebaut werden und schließlich soll der neue Drehscheiben-Platz der zentrale Knotenpunkt für den Busverkehr werden und auch den Verkehrsfluss verbessern. Merklinger machte deutlich, dass Walldorf – vor allem auch wegen seiner mittelzentralen Funktion- den Auftrag habe, die ärztliche Versorgung für die Bevölkerung, aber auch die hier arbeitenden Menschen, zu stabilisieren und zu verbessern. “Mit der Neugestaltung der ‘Drehscheibe’ haben wir gute Chancen für die Verbesserung des Gemeinwohls”, stellte er fest. Diese wichtige Daseinsvorsorge sei jedoch nicht zum Nulltarif zu haben. Merklinger erinnerte auch daran, dass die Idee eines Ärztehauses aus der Walldorfer Ärzteschaft an die Stadt herangetragen worden sei. Unsere “Schwachstellen” sind der Einzelhandel und die fachärztliche Versorgung, stellte Stadtbaumeister Dieter Astor fest, der die Bebauung der “Drehscheibe” aus städtebaulicher Sicht befürwortete. Die nötige räumliche Distanz zur Evangelischen Stadtkirche bleibe gewahrt, erklärte er, und man orientiere sich an den Traufhöhen von Kirche und Jump. Der neue elliptische Kreisverkehrsplatz brauche auch einen bebauten Rand als Abschluss. Eine “fertige Architektur” wurde am Infoabend jedoch bewusst nicht vorgestellt.

Ärztliche Versorgung sichern

Als externer Experte unterstrich der auf den medizinischen Sektor spezialisierte Jurist, Professor Dr. Thomas Schlegel aus Frankfurt am Main, die Notwendigkeit, die medizinische Versorgung sicherzustellen. Die medizinische Nachfrage steige aufgrund der Alterung der Bevölkerung, während die Attraktivität des Arztberufes und die Einnahmen der niedergelassenen Ärzte dramatisch gesunken seien, erläuterte er das Missverhältnis. Von den Patienten sei eine erhöhte Mobilität gefordert, da sich immer mehr Praxen zu Zentren zusammenschlössen oder Ärzte sich bevorzugt in der Nähe von Krankenhäusern niederließen. Angesichts der Tatsache, dass in den nächsten fünf Jahren von 120.000 niedergelassenen Ärzten rund 41.000 in den Ruhestand gingen, sei es dringend geboten, die ärztliche Versorgung vor Ort zu sichern. Zunehmend sei es sehr schwierig, überhaupt unter den jungen Ärzten Praxisnachfolger zu finden. Schlegel spielte dabei auf die Zurückhaltung der Banken an, jungen Medizinern Kredite für den Aufbau oder die Übernahme einer Praxis zu gewähren. “Der drohende Verlust der Gesundheitsversorgung ist ein Standortnachteil”, betonte Schlegel. Ein attraktiver Gesundheitsstandort wie ein Ärztehaus konzentriere die medizinische Versorgung an einem Ort und sichere langfristig das Angebot. Ärzte könnten hier nicht nur Kosten einsparen durch eine gemeinsame Anmeldung, gemeinsame Wartezimmer und mehr, sondern zum Wohl der Patienten auch Spezialsprechstunden einrichten mit “mobilen” Fachärzten. Als wichtigen Faktor für Walldorfs Attraktivität aus Sicht der Ärzte nannte er außerdem die geplante “Neue Soziale Mitte” und Walldorf-Süd mit jungen Familien, die im Laufe der Zeit auch ärztliche Versorgung bräuchten.

Klare Position beziehen

Soweit möglich habe man die zu erwartenden wirtschaftlichen Risiken realistisch eingeschätzt und berücksichtigt, meinte Kämmerer Stefan Weisbrod. Mit einer Mindestmiete von 10 Euro pro Quadratmeter für den Einzelhandel und 8,50 Euro in den Ärzte-Etagen sei das Objekt vermietbar. Die Rendite von drei Prozent stelle ein vernünftiges kommunales Maß dar, das jedoch für private Investoren nicht ausreiche.
Zur möglichen Besetzung des Ärztehauses erklärte Wirtschaftsförderer Marc Massoth, dass es als ernsthafte Interessenten ein Dialysezentrum, eine Orthopädengemeinschaft, eine weitere orthopädische Praxis, einen Internisten, einen Allgemeinmediziner, einen Zahnarzt sowie eine physiotherapeutische und eine logopädische Praxis gebe auf insgesamt 2.680 Quadratmetern. Auch aus anderen Fachrichtungen gebe es Interessenten. Massoth machte deutlich, dass man von Seiten der Stadt eine klare Positionierung zu Preisen und Projektbeginn kommunizieren müsse, um weitere Fachärzte – auch von außerhalb – zu gewinnen. Das bisherige Fehlen dieser wichtigen Eckpunkte habe sich negativ auf Interessenten ausgewirkt. Genau wie Thomas Schlegel unterstrich er, dass es vor allem auch darum gehe, die bestehende fachärztliche Versorgung zu halten, da eine schleichende Abwanderung bevorstehe durch Verlagerung von Praxen in Städte , die bereits Ärztezentren hätten.

Leistung für die Bürger

“Jetzt sind Sie dran”, mit diesen Worten forderte Beigeordneter Otto Steinmann das Publikum zu Fragen, Anregungen und Meinungen auf. “Zum Hautarzt muss ich nach Heidelberg, zum Augenarzt nach Wiesloch und zum Urologen ebenfalls nach Wiesloch”, meinte ein Walldorfer, der damit das Dilemma – gerade der älteren Generation – auf eine kurze Formel brachte. Eine andere Teilnehmerin plädierte sehr stark für ein Ärztezentrum, da man gerade im Alter – oft als alleingebliebener Ehepartner – niemanden mehr zum Fahren habe. Sie schilderte auch anschaulich, wie sehr man mit zunehmendem Alter auf die verschiedensten Fachärzte angewiesen sei. “Auch Eltern und Kinder werden krank”, meinte eine junge Mutter, die sich für ein Ärztehaus aussprach. Dieses sei eine Leistung für die Bürgerinnen und Bürger. Für einen weiteren Park, nach dem Vorschlag von Bündnis 90/Die Grünen, sah sie keinen Bedarf, da es gerade in Walldorf auch viele Spielplätze gebe. Ein Bürger hatte die Befürchtung, dass das Ärztehaus noch mehr Verkehr anziehen könne. Stadtbaumeister Dieter Astor meinte hierzu aber, dass in Walldorf schließlich alle Wege über die “Drehscheibe” führten.
Stadtrat Wilfried Weisbrod (Bündnis 90/Die Grünen) stellte “eine andere Sicht der Dinge” dar und meinte, dass der Bürger in Sachen “Drehscheibe” entscheiden solle. Eine Neuregelung des Busverkehrs sei dringend nötig, doch der Neubau gewährleiste nicht neue Ärzte. Er befürchte, dass lediglich Walldorfer Ärzte umzögen. Zum Thema Einzelhandel glaubte er, dass man nur den Status quo erhalte, da Walldorf kein Einzugsgebiet habe. Zur Ärztefrage erklärte sein Fraktionskollege Hans Wölz noch, dass sich die Grünen bereits 1999 für die Ansiedlung weiterer Fachärzte stark gemacht hätten.

“Packen wir’s an”

Bedenken zu einem neuen Drogeriefachmarkt äußerte ein Vertreter der Werbegemeinschaft. Da es dieses Sortiment bereits in anderen Walldorfer Geschäften gebe, habe man dadurch nichts gewonnen. Ein Sanitätshaus wünschte sich eine andere Teilnehmerin. Wirtschaftsförderer Marc Massoth konnte hier die positive Nachricht melden, dass es bereits Zentrum für Rehatechnik als Interessenten gebe. Man brauche nicht noch mehr Textilläden, meinte eine andere Rednerin, die es als gut empfand, dass die Stadt als Vermieterin Einfluss nehmen könne. Dieter Astor erklärte, dass die Stadt schließlich auf die Angebote des Marktes angewiesen sei. “Was uns weiterbringt soll uns recht sein”, meinte er. Stadtrat Dr. Gerhard Baldes (CDU) sprach sich dafür aus, das beschlossene Konzept zu verwirklichen und diese Chance zu ergreifen. Durch ein Bürgerbegehren komme die Stadt in Zeitverzug. “Wir kriegen keine Ärzte ohne Räume”, warnte er. “Wir wollen nicht bis zum Sankt-Nimmerleinstag warten”, stellte auch Bürgermeister Heinz Merklinger fest – “Packen wir’s jetzt an!”.


Veröffentlicht in Leben, Walldorf. 1 Kommentar »

Eine Antwort zu „Zukunftsmodell für die „Drehscheibe““

  1. chillout Sagt:

    Walldorf wird ja demnächst erweitert. Die ersten Baumaßnahmen sind ja schon zu sehen.
    Wieso baut, oder plant man da nicht ein entsprechendes Zentrum?
    Hier in Walldorf eine weitere Grünanlage wäre sicherlich nicht verkehrt, oder verkehrt!


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